Spät lenkten wir die 52 Fuß Beneteau in die Tersane Bucht im türkischen Fethiye Körfezi, um noch einen guten Platz für die Nacht zu finden. Zu spät, denn das langsame Abfahren des beliebten Törnzieles offerierte auf den ersten Blick keinen tauglichen Platz mehr.
Große Gülets hatten nicht nur die hintersten Winkel besetzt, sondern ihre riesigen Stockanker kreuz und quer durch die Bucht gelegt. Entsprechender Schwoikreis war schon nach den ersten sechs Yachten kaum noch vorhanden, die Nächte waren windstill so dass selbst Landverbindungen überflüssig erschienen.
Nach Abwägung aller Möglichkeiten fanden wir doch noch ein Loch, legten unseren Anker in eine vermeintliche freie Schneise und steckten rund 40 Meter Kette auf 4 Meter Wassertiefe. Unser länger dauerndes Manöver wurde von zahlreichen, nicht gerade zustimmenden Bemerkungen aus den Cockpits rundum begleitet und selbst die eigene Crew sparte nicht mit ironischen Bemerkungen über den „Perfektionismus“ ihres Skippers.
Als nach Mitternacht die ersten schweren Böen einer Gewitterfront von den kargen Hängen der Tersane Bucht aufs Wasser fielen, kam Bewegung in die Ankerlieger. Nur wenig später herrschte ein heilloses Chaos. Erhellt von den zuckenden Blitzen sah man driftende Yachten auf der Bucht Gegenseite auf Legerwall gehen. Etliche Schiffe hatten sich im schweren Geschirr der Gülets verfangen, ohne Möglichkeit die unter Druck stehenden Ketten zu entwirren, Dinghies flogen durch die Luft, vom Sturm entrollte Genuas schlugen unkontrolliert am Vorstag kaputt und zogen die slippenden Anker noch schneller aus den Grund.
Unsere Beneteau zerrte heftig an ihrer Kette und holte sich nahezu die komplette Lose vom Grund, doch der Anker hielt und wir konnten – so weit möglich – anderen Mannschaften helfen.
Was haben wir aus dieser Nacht gelernt? Nur wenig,denn jedes Ankermanöver steht unter anderen Vorzeichen,einzig die Tatsache,dass jedes Ankern mit größter Sorgfalt unter Berücksichtigung möglichst aller Variablen passieren sollte ist nach dieser Nacht haften geblieben. Ankern ist sehr komplex, erst die Summe vieler – immer anders verlaufener Manöver – ergibt einen Erfahrungs-Vorsprung der zu richtigen Aktionen zur richtigen Zeit führt.
Der Ankerplatz
Das „Richtige“ Ankern beginnt mit dem sorgfältigen Studium der Seekarte. Sie zeigt die Meter-Linien, informiert über Grundbeschaffenheit und liefert – in Kombination mit dem herrschenden Wetter – die erste Vorentscheidung über die Tauglichkeit eines Ankerplatzes. Ist die Bucht „ausgekuckt“ und man läuft den Platz an, gilt es die „Papierdaten“ zu überprüfen. Ist genug Platz vorhanden, ist der Grund Sand, Morast, Geröll oder hat Bewuchs? Wie sieht mein vermeintlich sicherer Platz aus, wenn der Wind nachts kippt - also wie im Mittelmeer häufig - nicht mehr auflandig, sondern vielleicht mit Fallböen vom Ufer komm?
Habe ich genug Raum zum Schwoien oder sollte eine Landverbindung gelegt werden, um die Position zu stabilisieren?
Prüfen Sie, ob der gesamte Schwoikreis auch genügend Tiefe hat. Fahren Sie dafür den ungefähren Bogen mit Blick auf das Echolot ab.
Der Ankel fällt
Weg mit dem Eisen, Kette hinterher … das war es?
Sicher nicht, am Grund türmt sich ein Haufen Kette auf dem Anker, der keine Möglichkeit hat auf die Schiffsbewegung zu reagieren. Selbst zum schnellen „Badestop“ ist dies Manöver ungeeignet, denn die vermeintlich stehende Yacht wird beim leichten Windhauch driften,zieht sich Kette vom „Haufen“ und erst dann bekommt unser Anker Möglichkeit sich einzugraben.
Machen Sie es besser! Ein Besatzungsmitglied aufs Vorschiff an die Winde, bei großen Yachten – zwecks besserer Verständigung – eine Verbindungsposition dazwischen. Auf das Kommando „Lass fallen Anker!“ geht das Eisen bei Stillstand der Yacht zügig auf Grund, die ungefähr dafür zu steckende Kettenlänge steht fest. Langsam dirigiert der Steuermann das Schiff rückwärts in die Richtung, in die es auch zu liegen kommt, der „Ankermann“ fiert mit – besser,das Schiff zieht sich selbsttätig die benötigte Kette aus dem Kasten.
Nach rund 2 Schiffslängen wird die Kette fest genommen, der Anker eingefahren. Erst langsam, dann mit halber Maschinenkraft und durchaus über rund 10 bis 15 Sekunden. Hierbei muss die Position der Yacht anhand einer einfachen Landpeilung überprüft werden. Anschließend wird ausreichend Kette gesteckt. Was ist ausreichend ? Die oft noch gelehrte Angabe der „dreifachen Wassertiefe“ ist unsinnig. Moderne Leichtgewichtsanker, die aufgrund ihrer Konstruktion und weniger wegen des Gewichts halten, entwickeln enorme Haltekräfte, brauchen jedoch flache Zugwinkel. Das bedeutet beim ausschließlichen Einsatz von Kette das fünffache der Wassertiefe ! Ist das durch die Gegebenheiten nicht möglich,sollte ein zusätzliches Reitgewicht benutzt werden, welches die Kette am Grund hält.
Die kräftigen Helfer
Grundsätzlich sind Charteryachten mit leistungsstarken, elektrisch betriebenen Motorwinden ausgerüstet, dennoch wird die Kraft der Helfer häufig überschätzt. Kaum eine Winsch erreicht die vom Hersteller angegebene Maximallast, so dass der Chartersegler gut beraten ist, mit den Spills äußerst „sensibel“ zu arbeiten.
Das bedeutet: verringert sich deutlich die Hole-Geschwindigkeit.... stoppen, um die Ursache zu überprüfen. Ist der Winddruck auf das Schiff zu stark, wird die Winsch es nicht schaffen,Anker und Schiff zu holen … Belastung verringern durch Entgegenfahren. Hat der Anker sich am Grund verhakt, ist unter Trossen, Netze oder Steine geraten … nicht mit der Winsch versuchen auszubrechen. Im günstigsten Fall fliegt die Sicherung raus, unter Umständen reißt aber auch die Winsch aus ihrem Fundament.
Achten Sie darauf, dass die Kette sauber in den Kasten fällt und keine „Türme“ bildet. Kommt die Kette unter der Nuss zu blocks, läuft gar nichts mehr! Informieren Sie sich bei der Übergabe über die Position der Ankerwinsch Absicherung. Und ein Punkt versteht sich von selbst: kein Ankermanöver ohne mitlaufende Maschine!! Handelsübliche Winschen – egal welcher Hersteller – ziehen zwischen 130 und 180 Ampere! Das heißt, die Maschine muss höher als in Leerlaufstellung „mitarbeiten“. (Richtige Drehzahl bei der Übergabe erfragen).
Tipps
Eine Ankerboje sollte benutzt werden, wenn der Ankerliegeplatz stark frequentiert wird, weil die Kennzeichnung des eigenen Ankers vorprogrammierten „Ankersalat“ verhindern kann.
Auf unsauberen Ankergründen – Trossen, Steine, alte Netze – sollte unbedingt eine Trippleine angeschlagen werden. Nur mit ihrer Hilfe kann ein unklar gekommener Anker geborgen werden.
Läst sich der Anker im normalen Manöver nicht aus dem Grund brechen, kann man die Kette kurz nehmen und den Anker langsam „überfahren“. Durch Umkehrung der Belastung bricht er dann in der Regel leicht aus.
Ist die Winsch und deren Befestigung für ein derartiges Manöver zu schwach, hilft es, die komplette Mannschaft auf die Bugspitze zu bringen, die Kettenlose nachzuholen und zu belegen. Das Kontergewicht der dann nach achtern geschickten Crew hebelt den Anker aus den Grund.
Mit zwei Ankern verhindert man die störende „Drift“, die das Schiff mit bis zu zwei Knoten mal auf Backbord, mal auf Steuerbord „segeln“ lässt und jedes Mal die schon in Griffweite befindliche Badeleiter entführt.
Die Anker sollten in einem „V“ ausgelegt werden, was nahezu identischen Zug auf beide Eisen ermöglicht.